Stellen Sie sich vor, Sie führen ein Gespräch, das Sie in Ihren Händen halten können. Stellen Sie sich eine Welt voller Informationen, Gefühle und Verbindung vor, die vollständig durch Berührung entsteht. Für die meisten Menschen ist Kommunikation eine Mischung aus Sehen und Hören – Worte, die wir hören, und Gesichtsausdrücke, die wir sehen. Doch das ist nur ein kleiner Teil davon, wie Menschen Sprache nutzen können. Dieser Artikel öffnet eine Tür zur Welt der DeafBlind-Community, einer lebendigen Kultur, die nicht durch das definiert ist, was fehlt, sondern durch eine tiefe und komplexe Nutzung eines anderen Sinnes. Unser Ziel ist es, Ihnen eine umfassende Einführung in die DeafBlind-Identität zu geben, die zahlreichen Kommunikationsformen gehörlosblinder Menschen vorzustellen und die detailreiche Schönheit der taktilen Kommunikation zu zeigen. Wir blicken über Stereotype hinaus, um eine Welt zu erkunden, die auf Verbindung, Kreativität und der zutiefst menschlichen Sprache der Berührung basiert.
Das Erleben verstehen

Um die DeafBlind-Community wirklich zu verstehen, müssen wir zuerst die einfache Vorstellung beiseitelegen, dass es sich nur um eine Kombination zweier getrennter Beeinträchtigungen handelt. Es ist eine einzigartige Beeinträchtigung, die eine besondere Art schafft, die Welt zu erleben und sich in ihr zu bewegen, was zur Entstehung einer eigenen Kultur und Identität führt.
Eine Vielfalt an Erfahrungen
Gehörlosblindheit ist nicht immer gleich; sie bedeutet nicht stets völlige Taubheit und vollständige Blindheit. Es handelt sich um ein Spektrum kombinierter Seh- und Hörverluste, das große Herausforderungen beim Informationszugang und der Kommunikation mit sich bringt. Der Weg in die DeafBlind-Erfahrung ist für jede Person unterschiedlich.
- Manche sind gehörlos oder schwerhörig geboren und verlieren ihr Sehvermögen später im Leben.
- Manche sind blind oder haben eine Sehbeeinträchtigung von Geburt an und verlieren im Laufe der Zeit ihr Gehör.
- Eine kleinere Anzahl wird mit sowohl erheblichem Seh- als auch Hörverlust geboren.
- Viele entwickeln aufgrund von Alter, Unfällen oder genetischen Erkrankungen wie dem Usher-Syndrom im späteren Leben sowohl einen Seh- als auch einen Hörverlust.
Nach Angaben der World Federation of the DeafBlind (WFDB) ist es zwar schwierig, genaue weltweite Zahlen zu erfassen, doch wird geschätzt, dass bis zu 2 % der Weltbevölkerung einen gewissen Grad an kombiniertem Hör- und Sehverlust haben, was eine bedeutende, oft übersehene Gemeinschaft zeigt.
Eine kulturelle Identität
Wir verwenden bewusst den Begriff „DeafBlind“ mit großem 'D' und 'B'. Diese bewusste und wichtige Entscheidung unterscheidet sich vom medizinischen Terminus „deaf-blind“: Die Großschreibung stellt eine Identity-First-Formulierung dar. Sie zeigt die Zugehörigkeit zu einer Community mit eigener, unverwechselbarer Kultur, Geschichte und Sprachpraxis, die sich sowohl von der Gehörlosenkultur als auch von der Blindenkultur unterscheidet. Es ist eine Erklärung einer vollständigen Identität und keine Beschreibung einer Person anhand von Sinnesverlusten.
„Wir sind keine Ansammlung von Problemen. ‚DeafBlind‘ ist eine Erklärung einer vollständigen Identität, einer Kultur, die auf Berührung und Verbindung basiert – keine Beschreibung dessen, was uns fehlt. Es ist, wer wir sind, nicht was uns fehlt.“ – DeafBlind-Aktivist
Eine Welt der Kommunikation
Es gibt keinen einzelnen Weg, auf dem alle DeafBlind-Personen kommunizieren. Die verwendeten Methoden sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst und hängen häufig von Art und Ausmaß des Seh- und Hörverlusts, vom Bildungshintergrund und persönlichen Vorlieben ab. Die Community hat eine beeindruckende und flexible Sammlung von Kommunikationsstrategien entwickelt.
Das Kommunikations-Werkzeugset
Man kann es sich wie einen Werkzeugkasten vorstellen, bei dem jedes Werkzeug einen bestimmten Zweck erfüllt. Eine Person nutzt möglicherweise mehrere dieser Methoden und wechselt je nach Situation und Kommunikationspartner.
| Methode | Kurzbeschreibung |
|---|---|
| Adaptierte Gebärdensprache | Für Personen mit Restsehvermögen bedeutet dies, einen kleineren Gebärdenraum zu nutzen oder die Gebärden aus kurzer Entfernung visuell zu verfolgen. |
| Taktile Fingeralphabetierung | Buchstabierung von Wörtern direkt in die Hand der Person mittels eines taktilen Alphabets, zum Beispiel dem American Manual Alphabet. |
| Print-on-Palm (Auf-die-Hand-Schreiben) | Nachzeichnen von Blockbuchstaben auf die Handfläche. Diese Methode erfordert kein Vorwissen über Gebärdensprache vom Kommunikationspartner. |
| Tadoma-Methode | Eine komplexe Methode, bei der die DeafBlind-Person eine Hand auf das Gesicht des Sprechenden legt, um die Vibrationen der Sprache und Gesichtsausdrücke zu fühlen. |
| Assistive Technologie | Verwendung von auffrischbaren Braille-Displays, die an Computer oder Telefone angeschlossen werden, Screenreader oder spezialisierte Kommunikationsgeräte. |
| Taktile Gebärdensprache | Eine vollständig entwickelte sprachliche Methode, bei der eine DeafBlind-Person ein Gebärdensprachgespräch mit den Händen fühlt. |
Eine tiefere Berührung
Von all diesen Methoden ist die taktile Gebärdensprache vielleicht die vollständigste und sprachlich reichste. Sie ist nicht nur ein Code oder eine einfache Anpassung, sondern eine vollwertige Sprache, die die gleiche Komplexität, Geschwindigkeit und Feinheit ausdrücken kann wie jede gesprochene oder visuelle Sprache. Es ist die Kunst, ein Gespräch durch Berührung zu führen.
Wie taktile Sprache funktioniert
Im Kern ist die taktile Gebärdensprache ein Hand-über-Hand-System. Der Prozess erlaubt einen kontinuierlichen und dynamischen Informationsfluss und verwandelt eine visuelle Sprache in eine taktile.
- Die Position: Die DeafBlind-Person, der Empfänger der Information, legt ihre Hände leicht über die Hände der gebärdenden Person. Diese „Hand-über-Hand“-Position ist die Grundlage der Verbindung.
- Das Fühlen der Gebärde: Durch diese körperliche Verbindung kann der Empfänger alle wesentlichen Teile einer Gebärde fühlen: die Handform, den Ort, an dem die Gebärde ausgeführt wird, die Bewegung der Hände und die Ausrichtung der Handflächen. Ein erfahrener taktiler Gebärdensprachbenutzer kann diese Informationen genauso schnell verarbeiten wie ein visueller Gebärdensprachbenutzer.
- Der Fluss des Gesprächs: Die Hände des Empfängers sind nicht passiv. Sie folgen aktiv den Bewegungen der gebärdenden Person und schaffen so einen fließenden Dialog. Dieser ständige Kontakt stellt sicher, dass keine Information verloren geht und hält den Rhythmus des Gesprächs aufrecht.
Mehr als Worte
Eine häufige Frage ist, wie eine taktile Sprache die Informationen ausdrücken kann, die visuelle Gebärdensprachen durch Mimik und Körpersprache vermitteln. Die Antwort liegt in einem ausgeklügelten System taktiler Signale, die Grammatik, Emotionen und sogar Umweltinformationen übertragen. Nicht-manuelle Marker werden geschickt in Berührung übersetzt.
- Emotion: Feinheiten werden durch die Qualität der Berührung ausgedrückt. Glück oder Aufregung können mit schnellerem, schärferem Tempo angezeigt werden. Zustimmung, Empathie oder Einverständnis können mit einem sanften Drücken oder einer weichen Streichelbewegung auf dem Handrücken des Empfängers vermittelt werden.
- Fragen: Grammatikalische Strukturen sind ebenfalls taktil. Eine gebärdende Person könnte am Satzende eine Fragezeichenform auf die Handfläche des Empfängers zeichnen. Bestimmte Handbewegungen oder eine leichte Druckänderung können Ja/Nein-Fragen von „Wh-“Fragen (wer, was, wo usw.) unterscheiden.
- Umweltinformationen: Eine erfahrene Kommunikatorin oder ein erfahrener Kommunikator kann ein Bild der Umgebung malen. Stellen Sie sich vor, ein Freund erzählt einen Witz. Die Hände der Gebärdenden bewegen sich schnell und scharf für die Pointe, gefolgt von einer Reihe schneller Klopfbewegungen auf dem Handrücken, um „alle lachen“ zu signalisieren. Ein leichtes, anhaltendes Klopfen kann Applaus anzeigen.

Dieses System zeigt, dass Sprache nicht an eine einzige Kommunikationsweise gebunden ist. Es ist ein Beweis für die Anpassungsfähigkeit des Menschen und die unglaubliche Fähigkeit des Gehirns, komplexe Informationen durch Berührung zu verarbeiten.
Die Pro-Tactile-Bewegung
In den letzten Jahrzehnten hat sich aus der DeafBlind-Community eine Philosophie und Praxis entwickelt, die unsere Vorstellung von Berührung revolutioniert. Dies ist die Pro-Tactile-Bewegung. Sie ist eine von DeafBlind geleitete Initiative, die Berührung nicht als Backup-Werkzeug, sondern als primären, bevorzugten und vollständigsten Kanal für Information, Kommunikation und kulturelle Verbindung betrachtet.
Was ist Pro-Tactile?
Pro-Tactile ist eine Philosophie, die auf dem Prinzip der Selbstbestimmung und des direkten Zugangs basiert. Sie betont das Recht gehörlosblinder Menschen, alle Informationen über ihre Umgebung und soziale Interaktionen direkt durch Berührung zu erhalten – ohne auf sehende oder hörende Vermittler angewiesen zu sein, die die Welt für sie interpretieren. Das kraftvolle Motto der Bewegung lautet: „Wenn es auf meinem Rücken ist, weiß ich es.“ Sie setzt sich für eine Welt ein, in der die Umgebung taktil zugänglich gemacht wird und Kommunikation eine vollständig interaktive, auf Berührung basierende Erfahrung ist.
Pro-Tactile in der Praxis
Diese Philosophie hat eine Reihe von Sprachpraktiken hervorgebracht, die die Kommunikation bereichern und eine vollständig immersive taktile Welt schaffen. Zwei der wichtigsten Konzepte sind Backchanneling und Umweltkartierung.
- Backchanneling: In einem typischen Gespräch geben Zuhörer visuelles oder akustisches Feedback, wie Nicken oder „hm“. In einem Pro-Taktile-Gespräch erfolgt dieses Feedback über Berührung. Der Zuhörer, oder „Empfänger“, gibt ständig Rückmeldung am Rücken, Arm oder Bein der sprechenden Person. Eine Reihe von Klopfern kann bedeuten „Ich höre zu“, ein langsames Reiben kann „Ich verstehe“ oder „Ich stimme zu“ signalisieren, und ein kurzes Kratzen könnte „Ich habe eine Frage“ oder „Langsamer bitte“ heißen. So entsteht ein wirklich zweiseitiges, taktiles Gespräch, bei dem beide Teilnehmenden jederzeit aktiv durch Berührung kommunizieren.
- Umweltkartierung: Die Pro-Taktile-Praktiken gehen über das Gespräch hinaus und beziehen auch die Umgebung mit ein. Eine Person, die als „Co-Navigator“ fungiert, kann den Rücken oder die Schulter der gehörlosblinden Person als Zeichenfläche nutzen, um Informationen zu vermitteln. Beispielsweise kann ein Rechteck auf dem Rücken gezeichnet eine Tür in der Nähe anzeigen. Ein Klopfen auf der linken Schulter signalisiert, dass von links jemand den Raum betreten hat. Eine Linie, die den Arm hinuntergezogen wird, kann eine vorbei gehende Person darstellen. Dies liefert eine direkte Echtzeit-Karte der Umgebung und fördert mehr Unabhängigkeit und Orientierung.
Welten verbinden
Für sehende und hörende Menschen kann die erste Begegnung mit einer gehörlosblinden Person einschüchternd wirken. Die Angst, unhöflich zu sein oder „etwas falsch zu machen“, ist weit verbreitet, lässt sich aber mit etwas Wissen und einer respektvollen Haltung überwinden. Wichtig ist, geduldig und klar zu sein und immer der gehörlosblinden Person den Vorrang zu geben.
Der erste Kontakt
Wenn Sie die Aufmerksamkeit einer gehörlosblinden Person erlangen oder Hilfe anbieten möchten, folgen Sie diesen einfachen, respektvollen Schritten.
- Die Annäherung: Eine sanfte, aber bestimmte Berührung an der Schulter oder am Oberarm ist der Standardweg, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Vermeiden Sie leichtes Klopfen, da es als versehentlicher Stoß missverstanden werden kann.
- Stellen Sie sich vor: Warten Sie, bis die Person Sie wahrnimmt und Ihnen die Hand gibt oder ihre bevorzugte Kommunikationsart anzeigt. Wenn sie Print-on-Palm nutzt, schreiben Sie Ihren Namen in Druckbuchstaben auf ihre Handfläche.
- Nennen Sie Ihren Zweck klar: Sprechen oder kommunizieren Sie direkt und einfach. „Hallo, mein Name ist [Ihr Name]. Ich habe Sie gesehen und wollte Hallo sagen.“ oder „Ich sehe, Sie warten. Kann ich irgendwie helfen?“ ist viel besser als ein vages „Brauchen Sie Hilfe?“
- Respektieren Sie die Antwort: Die Selbstbestimmung der gehörlosblinden Person ist das Wichtigste. Wenn sie Hilfe ablehnt, akzeptieren Sie dies höflich. Bestehen Sie nicht darauf.
Kommunikationsetikette
Gute Kommunikation beginnt mit Respekt und der Bereitschaft, sich anzupassen. Die goldene Regel lautet: Fragen Sie, statt anzunehmen.
- Do: Fragen Sie: „Wie kommunizieren Sie am liebsten?“ Die Person kennt ihre eigenen Bedürfnisse am besten.
- Don’t: Nehmen Sie nicht an, dass Sie den besten Weg kennen oder dass eine Methode für alle passt.
- Do: Seien Sie geduldig. Taktile Kommunikation braucht manchmal mehr Zeit. Lassen Sie das Gespräch in einem angenehmen Tempo verlaufen.
- Don’t: Schreien Sie nicht. Wenn die Person noch etwas hört, verzerrt Schreien den Klang. Wenn nicht, ist es sowieso wirkungslos. Sprechen Sie die gehörlosblinde Person direkt an, nicht eine Begleitperson oder Dolmetscher*innen.
- Do: Beschreiben Sie die Umgebung, wenn es relevant ist. Einfache Hinweise wie „Wir sind in einem lauten Café“, „Ihre Freundin Sarah ist gerade hereingekommen“ oder „Der Raum ist sehr voll“ geben wertvolle Kontextinformationen.
Eine Gemeinschaft der Verbindung
Gehörlosblindheit ist keine Geschichte des Mangels. Sie erzählt von menschlicher Kreativität, kultureller Vielfalt und der starken Kraft der Verbindung. Die gehörlosblinde Gemeinschaft zeigt uns, dass Sprache flexibel ist und Kommunikation in ganz neuen Formen gedeihen kann, als wir es vielleicht je erwartet hätten. Von den vielfältigen Werkzeugen im Kommunikationsrepertoire über die komplexe Sprachstruktur der taktilen Gebärdensprache bis hin zur revolutionären Philosophie von Pro-Tactile – wir sehen eine Kultur, die sich durch tiefe Verbindungen definiert, nicht durch die Sinne, die sie nicht nutzt. Mit Neugier und Respekt für diese Welt erweitern wir nicht nur unser Wissen über eine einzigartige Gemeinschaft, sondern auch unser Verständnis davon, was es heißt, Mensch zu sein und wirklich miteinander zu kommunizieren.